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10.05.2019 

Machen wir uns nichts vor: Wer regelmäßig fliegt, macht nichts besser!

Foto (c) Tim Gouw

Marcel Roth – Wir handeln gerne umweltbewusst und fühlen uns gut damit. Aber eines ignorieren wir dabei häufig: Unser Reiseverhalten. Über das soziologische Phänomen „kognitive Dissonanz“.

Nennen wir sie Paula. Paula ernährt sich so gut es geht vegan, kauft viel Second Hand und hat zu Hause eine Bambuszahnbürste stehen. Sie fährt Fahrrad und Bahn – ihre Eltern wollen ihr zwar manchmal noch ein Auto andrehen, aber sie lehnt dankend ab. Paula legt viel Wert auf ökologisches Handeln, diskutiert oft über Ernährung, globale Zusammenhänge und Fluchtursachen. Das tut sie auch, wenn sie wieder auf Reisen ist – nach Kolumbien, in die Türkei oder Marokko. Dort erweitert sie ihren Horizont, dort lernt sie Menschen kennen, die anders sind. Ihre Erlebnisse postet sie in Echtzeit auf Instagram. Paula wählt die Grünen und kämpft für eine bessere Welt.

Aber Fliegen und Umweltschutz vertragen sich schlecht. Laut dem Umweltbundesamt gibt es keine klimaschädlichere Art sich fortzubewegen als das Flugzeug. Von Wähler*innen einer Ökopartei wie den Grünen könnte man deshalb erwarten, dass sie den Luftverkehr besonders sparsam nutzen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Keine andere der im Bundestag vertretenen Parteien hat mehr Anhänger*innen, die mindestens einmal im Jahr fliegen.1 Warum ist das so? In der sozialpsychologischen Einstellungs-Verhaltens-Forschung ging man lange davon aus, dass sich Einstellungen nahezu direkt in entsprechendes Handeln umsetzen. Umweltfreundliche Einstellungen müssten deshalb ein umweltfreundliches Handeln nach sich ziehen. Zahlreiche Studien allerdings haben belegt, dass der Zusammenhang zwischen Umwelthandeln und Einstellung relativ schwach ist. Ob eine Person umweltgerecht handelt, wird vor allem durch eins bestimmt: das Einkommen.2 Wer Geld hat, stößt mehr CO2 aus. Das hat viel mit der Wohnfläche, Konsum, Ernährung, aber auch mit Mobilität und damit dem Reisen zu tun.
Paulas widersprüchliches Handeln hat in der Soziologie einen Namen: „Kognitive Dissonanz“. Wir sind überzeugt, dass umweltbewusstes Handeln wichtig ist, handeln aber oft gegensätzlich zu unserer Überzeugung. Das ist menschlich. Tragisch wird es aber dann, wenn wir unseren vermeintlich nachhaltigen Lebensstil nach außen tragen und mit Bambuszahnbürste im Gepäck auf die andere Welthalbkugel jetten. Unsere Generation, die Generation Y, Z oder auch die Millennials handeln symbolisch: wenn wir uns vegan ernähren, wenn wir auf Autos schimpfen oder wenn wir nachhaltige Kleidung konsumieren, erschaffen wir gemeinsame Identitäten, wir fühlen uns wohl im Weltverbessern und  „tragen unseren Teil dazu bei“. Unser Handeln hat viel mit Sinnstiftung zu tun. Wir bewegen uns in Freundeskreisen, in denen ähnliche Werte und ähnliche Symbole geteilt werden.

Ganz nüchtern betrachtet, kann man aber interessante Rechenbeispiele anstellen: Eine Flugreise von Stuttgart nach Phuket in Thailand setzt gut 6 Tonnen CO2 frei. Das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen (bei Einhaltung des 2-Grad-Ziels) beträgt etwa 2,3 Tonnen CO2.3 Ein Jahr Autofahren (Mittelklassewagen, 12.000 km) setzt etwa 2 Tonnen CO2 frei. Mit nur einem Flug nach Thailand also könnte man drei Jahre lang Auto fahren und würde genauso viel CO2emittieren.

Spannend ist es auch, wenn man sich vegetarische Ernährung ansieht:

Fleischlose Ernährung: 1,22 Tonnen CO2/Jahr
Fleischreiche Ernährung: 6,7 Tonnen CO2/Jahr 4

Wer auf Fleisch verzichtet, weil er ökologisch handeln möchte, muss also nur einen Flug nach Thailand buchen und hat damit schon fast so viel CO2 verursacht, als wenn er ein Jahr lang ganz normal Fleisch gegessen hätte.

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Umweltbelastung, die durch das Fliegen anfällt, wird in den meisten Freundeskreisen nicht angesprochen. Niemand möchte Spaßverderber*in sein. Im Gegenteil: Fernreisen, Bilder von langen, weißen Stränden oder mitten im Urwald finden auf Social Media nur Lob in Form von Likes und Herzen. Klar – sie stehen für Weltoffenheit, für Entdeckergeist und für Spannung im Leben

Wenn wir uns in unserem ökologischen Handeln aber ehrlich machen wollen, müssen wir auch unsere Flugreisen reflektieren. Nur 3 Prozent der Weltbevölkerung sind im vergangenen Jahr geflogen, und nur etwa 18 Prozent sind überhaupt schon mal geflogen.5 Klimagerechtigkeit heißt auch, dass wir, die in reichen Ländern leben, unseren CO2-Verbrauch so reduzieren, dass andere etwas mehr verbrauchen können. Das muss an erster Stelle durch die Politik passieren: Inlandsflüge sollten verboten werden, Bahnreisen müssen viel günstiger werden, Flüge dürfen nicht mehr zu Spottpreisen angeboten werden.

Bei Fernreisen aber liegt es an uns selbst: Sind wir bereit, nur alle zwei bis fünf Jahre oder sogar gar nicht mehr zu fliegen? Schaffen wir es, den Urlaub im benachbarten Italien genauso spannend zu finden wie eine Reise nach Thailand? Und verstehen wir den Weg mit dem Zug in entferntere Länder als Teil der Reise oder als lästiges Fortbewegungsmittel?

Auf technische Lösungen können wir noch eine ganze Weile warten. Das emissionsfreie Fliegen kommt so schnell nicht. Deshalb lautet die nachhaltige Antwort auf Fernreisen zwar eins: Verzicht auf das Fliegen. Aber sie bedeutet gleichzeitig: Wieder ein Gefühl für Distanzen bekommen. Lange Zeit für Gespräche und Bücher haben. Und großartige Landschaften durchs Zugfenster vorbeiziehen sehen.

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Über den Autor: Marcel Roth, 26 Jahre alt, wohnt in Stuttgart, ist Landessprecher der Grünen Jugend BW und hat seine Bachelorarbeit in Umweltsoziologie über das Fliegen geschrieben. Er selbst hat danach eine Interrail-Reise durch Südosteuropa gemacht und schließlich selbst den schäbigsten Zug in sein Herz geschlossen.


Quellen:
1 http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/gruenen-waehler-halten-rekord-bei-flugreisen-a-1002376.html
2 Diekmann, Andreas/Preisendörfer, Peter 2001: Umweltsoziologie. Eine Einführung. Berlin: Rowohlt Verlag
3 https://www.atmosfair.de/de/kompensieren/flug/
4 http://thecompensators.org/de/-compensate/examples-of-emissions/
5 https://www.dw.com/de/der-klimawandel-und-das-fliegen/a-42094220


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