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03.10.2020 

Superman on the road – Per Daumen im Eiltempo um die Welt

Jasmin Wieland studiert „Neuere deutsche Literaturwissenschaft“ in Bamberg und schmökert gerne durch aktuelle Bucherscheinungen. Für uns hat sie das Reisetagebuch Warm Roads von Sporttramper Stefan Korn unter die Lupe genommen. Viel Freude beim Lesen!

Er steht am Straßenrand und hält mit einem Grinsen die Hand in die Höhe. In Warm Roads: Was passierte, als ich nach Hause wollte und dafür per Anhalter die Welt umrundete erzählt Stefan Korn, wie er in 22 Monaten, 58 Ländern und auf 108.895 Kilometern einmal um den Erdball reiste bzw. trampte. Das Tramp-Business (auch wenn dieser Begriff eigentlich im Widerspruch mit sich selbst steht) boomt. Waren es seit Walden; or, Life in the Woods und Into the Wild die Geschichten des Aussteigertums und des Naturerlebens, so sind es spätestens seit dem cineastischen Erfolg von weit. die Daumen-Raus-Geschichten, die die Bücherregale sowie die Leinwand erobern. Denn: Reisetourismus à la Last-Minute-Flug hat keine Zukunft mehr. In Zeiten des Klimawandels gilt es, innovativ zu werden. Paradoxerweise geht der Trend dabei zurück zum einfachen Reisen. Getreu dem Motto: So weit einen die eigenen Füße tragen. Oder das Rad. Oder, ja gut, ohne Auto bzw. Schiff scheint es dann doch nicht ganz zu gehen, zumindest, wenn man wie Korn eine längere Strecke zurücklegen möchte oder gar die ganze Welt bereisen will.

Trampen verkörpert eine besondere Reiseerfahrung. Es geht nicht rein um die Fortbewegungsart, sondern auch um Lifestyle, um Minimalismus, und vor allem um Abenteuer. Das kommt bei Korn auf keinen Fall zu kurz: Atlantiküberquerung mit einem Alkoholiker als Skipper, ein betrunkener Motorradpolizist als Lift in Bolivien, Autounfall in Kanada, ein vereistes Fahrzeug, und und und. Doch Abenteuer bzw. Trampen heißt in Korns Fall auch Warten. Und gerade das ist für Korn unerträglich, denn Zeit ist für ihn ein wesentlicher Faktor des Reisens. Seine Disziplin ist das Sporttrampen – weshalb er stets seinen schicken Sporttramper-Anzug trägt, der irgendwie ein bisschen an Superman erinnert –, was bedeutet, dass es nicht rein ums Trampen an sich geht, sondern darum, schnellstmöglich voranzukommen. (Hierfür werden sogar Weltmeiserschaften veranstaltet!) Kein Wunder also, dass der Titel den Namen „Warm Roads“ trägt. Korns Reiseansporn ist es nicht, Zeit zu verbringen, in ihr einzutauchen, und sich möglichst auf Mensch und Kultur einzulassen. Ihm geht es darum, Strecke zu machen und Rekorde aufzustellen.

Dementsprechend ist auch das Tempo im Buch. Auch wenn Korn, die ein oder andere Begegnung bzw. Aufenthalt etwas ausführlicher beschreibt, so wirkt es im Großen und Ganzen doch mehr wie ein Auflisten der Erlebnisse, ein knappes Schildern und weniger wie ein Erzählen. Der Stil gleicht ganz klar dem eines Reisetagebuchs. Dies findet sich auch in Korns Sprache wieder, die pragmatisch und sachlich ist – analog dazu, wie wir Korn als Menschen wahrnehmen. Immer wieder bricht Korn diesen Ton durch humorvolle oder kurze nachdenkliche Passagen, etwa, als der Pit-Bull eines Obdachlosen ihn anspringt und ihm, statt ihn zu zerreißen, „einen Kuss“ gibt, oder als er nach einem beinahen Raubüberfall feststellt: „Körperliche Unversehrtheit ist so viel kostbarer als materieller Besitz“. Mitunter finden sich auch Tipps zum Trampen, wie bspw. „[v]ertraue nie auf das, was der Fahrer dir sagt“. Korn ist kein verkopfter Typ, er ist eher der Draufgänger, ein Praktiker und in seinem Tun unglaublich authentisch und offen. Diese Art erweist sich in vielen Situation der Reise als äußerst hilfreich, etwa gleich zu Beginn beim Konkurrenzkampf um ein Segelboot zur Atlantiküberquerung. Korn beißt sich durch, ist zäh, lässt nicht locker, denn er weiß, was er will, auch wenn seine Geduld in vielen Situationen auf die Probe gestellt wird.

Der Grund für die Reise ist ein Klassiker: Gescheiterte Beziehung. Was macht man, wenn ein Leben zerbricht? Man geht auf Reisen, sucht neue Herausforderungen und stellt sich ihnen. Begegnungen hier, Begegnungen da. Ratschläge hier, Lebensweisheiten da. Wieder neuen Mut finden. Und vor allem auch Selbstbestätigung für sein Tun. Dabei spielt auch der Faktor „Heimat“ bzw. „Heimweh“ und die Auseinandersetzung mit ihm eine Rolle. So stellt Korn fest, dass er das Gefühl, „nur noch [s]eine Ruhe“ haben und „[w]ieder zu Hause sein“ zu wollen, eigentlich schon recht zu Beginn seiner Reise in Uruguay spürt, was sich dann gegen Ende im Iran immer deutlicher äußert. Eine schöne Komponente des Reisens ist eben auch die, wieder nach Hause kommen zu können.

Das letzte Kapitel ist sichtlich reflektierter und literarischer als die Seiten zuvor. Hetzt Korn – und mit ihm leider auch die LeserInnen – zuvor genauso durch die Welt wie durch die Seiten, so trifft der Titel des Kapitels den Inhalt im Kern: „Ankommen“. In all dem Tempo, in dem Korn unterwegs ist, so scheint er in Retrospektive wirklich anzukommen und dazuzukommen, das Erlebte zu verarbeiten.

Fazit: Warm Roads: Was passierte, als ich nach Hause wollte und dafür per Anhalter die Welt umrundete inspiriert, denn Autor Stefan Korn nimmt einen mit auf seine Reise, zeigt kuriose Welten, schräge Charaktere und liefert Statements. Nichtsdestotrotz neigt man immer wieder zum Überblättern, da die Fülle an Ereignissen nicht nur Korn zu überfordern scheint, sondern auch die LeserInnen an ihre Grenzen stoßen lässt. Der Umfang des Reisetagebuchs hätte an einigen Stellen gerne gekürzt werden können. Korns authentische und ehrliche Art machen dies wieder wett und prägen das Buch. Wenn Korn am Ende ernüchternd erkennt, dass all die Rennerei um Selbstbestätigung ihn persönlich nicht weiterbringt, dann hat das etwas Rührendes. „Ich will lieber ein normaler Tramper sein“, schreibt er. „Einer, der sich Zeit nimmt.“ Yes! Will man schreien. Endlich hat er es begriffen! Leben muss nicht immer Schnelligkeit sein, sondern darf auch einfach mal Genuss heißen. Die Abschluss-Erkenntnis ist dann noch eine Spur herzergreifender und schließt den Kreis zu seiner ursprünglichen Reisemotivation: Eigentlich will er ja nur eine Traumfrau finden sowie einen Ort und sich dort niederlassen. Etwas kitschig, aber andererseits auch einfach menschlich. Sympathischer Dude mit einer gehörigen Portion Abenteuerlust, dieser Korn!

Stefan Korn // Warm Roads: Was passierte, als ich nach Hause wollte und dafür per Anhalter die Welt umrundete // Knesebeck Verlag 2020 // 270 Seiten // Preis 18,00 €

Eine Antwort zu “Superman on the road – Per Daumen im Eiltempo um die Welt”

  1. Andreas Moser sagt:

    Die Geschwindigkeit und das Aufzählen von Kilometern, Wartezeiten, Reisezeiten, ausgegebenen Euros und anderen Details hat mich auch gelangweilt.

    Es waren ein paar interessante Geschichten dabei, aber insgesamt wollte ich dem Autor die ganze Zeit zurufen; „Lass dir Zeit!“

    Insgesamt keine Werbung fürs Trampen, fand ich:
    https://andreas-moser.blog/2020/11/15/warm-roads/
    Leider.

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