Mondo

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über Land und Wasser

25.10.2019 

Von der ligurischen Küste bis an den Atlantik (Teil 2)

Jasmin (23) erzählt im zweiten Teil Ihres Reiseberichts von Freiheit und Wildcamping am Strand.

Vor der Panetteria. Finale Ligure.

Teil 2: Durchatmen und Genießen

In Finale Ligure angekommen, suchte ich erstmal die Tourist-Information auf. Ein geschätzt 30-jähriger Italiener empfing mich freundlich. Er war Fotograf, wie er mir berichtete, und ich verstand sofort: Wenn er finanziell könnte, würde er hier nicht hinter der Theke sitzen und Touristen immer wieder dieselben Tipps geben, sondern den ganzen Tag draußen sein, wandern und die Welt fotografieren. Ich erzählte ihm, dass ich mit dem Rucksack unterwegs war und einen Campingplatz suchte. Er suchte einen heraus und rief an. Aber ohne Zelt? Die Campingplatz-Besitzer wussten nicht so recht, was sie mit mir anfangen sollten. Ich sagte ihm, dass ich anspruchslos sei und einfach nur einen Platz zum Schlafen bräuchte. Und er verstand ebenso schnell, zückt eine Karte und zeigte mir Strände, an denen man übernachten konnte. Das hätte er mit seiner Hängematte dort auch schon getan. Er empfahl mir noch eine Wanderung für den nächsten Tag, die auch in meinem Wanderführer beschrieben war, und dann lief ich los, Richtung Strand. Dort angekommen schaute ich mich nach sanitären Anlagen um, aber es waren weit und breit keine zu sehen. Na toll! Doch was war das? An einer Stelle floss aus einer Steinmauer Wasser heraus, wo sich Leute abduschten. Ich lief hin und probierte das Wasser. Es war kalt. Sehr kalt. Und sehr köstlich. Ich holte meinen Wasserbeutel, befüllte ihn und hüpfte noch schnell ins Meer. Dann wusch ich mir unter der Naturdusche das Salzwasser von der Haut, zog mir warme Kleidung an und begann zu kochen. Spaghetti mit Paprika-Zucchini-Gemüse, Salz, Pfeffer und Curry. Mein erstes entspanntes Kochen. Und das auch noch am Strand mit Blick aufs Meer. Was für ein Festmahl! Die Nacht wurde sehr unruhig. Zum einen fand unweit meines Schlafplatzes eine private Strandparty statt, und immer wieder kamen Leute an den Strand, um ebenfalls dort zu schlafen, nachtzubaden oder zu spazieren. Zum anderen wollte ich nicht einschlafen, obwohl ich müde war, denn der Sternenhimmel war doch so wunderschön. Wann, wenn nicht jetzt, hatte ich mal die Gelegenheit, so einen Sternenhimmel die ganze Nacht zu betrachten? Es half alles nichts. Ich wollte ja für den nächsten Tag und die anstehende Wanderung fit sein, sodass ich dann irgendwann doch einschlief.

Abendessen am Strand. Varigotti.
Am Morgen nach der Standübernachtung. Varigotti.

Am nächsten Tag wurde ich von der Sonne geweckt. Herrlich! Ich drehte mich nochmal um, bis mir ein Impuls sagte, dass ich zusammenpacken sollte. Richtige Entscheidung, denn kurze Zeit später fielen die Tagesausflügler bzw. Tagesbadenden ein. Und das morgens um halb 9! Aber klar, lieber da sein, bevor der Parkplatz vollends überfüllt ist. Zeit für mich aufzubrechen. Die Tour nach Noli stand an. Erstmal ging es wieder nur bergauf. Ich schwitzte. Die Morgensonne war schon sehr kräftig und ich sagte mir: Kilometer machen. Ich verlief mich kurz, doch war dann wieder auf dem Weg. Und ich kam voran. Schneller als ich dachte. Kurze Verschnaufpause: Pfirsich. Und dann gelangte ich, peu á peu, über den höchsten Punkt der Route wieder nach unten nach Noli. Ich gönnte mir eine Limonade und legte mich an den Strand. Kurzes Bad im Wasser und dann einfach nur noch entspannen. Die Wanderung war doch wieder ganz schön anstrengend gewesen mit Sack und Pack, und drum war es fantastisch, einfach nur so rumzuliegen, ein bisschen zu schreiben und zu lesen. Ich schaute mir noch das Städtchen an, trank Espresso, schrieb Postkarten, füllte meine Wasserflaschen auf, ließ mein Handy laden, aß Focaccia und nahm dann wieder den Bus zurück nach Varigotti und zu meinem Strand. Ein sicherer Schlafplatz, was für ein Luxus! Diese Nacht wurde besser, viel besser und ruhiger. Keine Party am Strand und kaum Menschen, die meinen Schlafplatz passierten. Ich sagte mir: Mach es nicht wie gestern. Wenn du müde bist, dann schlafe. Wach bzw. wachen wirst du früh genug und dann die Möglichkeit haben, inmitten der Nacht die Gedanken kreisen zu lassen und den Sternenhimmel zu betrachten. Und so schlief ich, bis der Mond aufging. Denn dann, so stellte ich fest, wurde es jedes Mal kühler und die Luft klar.

Teil 3: Nachdenken und festhalten

Ich schreibe den Artikel und stelle fest, Teil zwei ist deutlich kürzer als Teil eins. Gut, genau genommen ist er auch nicht fertig, sondern zeigt nur einen Bruchteil bzw. nur zwei Tage. Und doch ist es irgendwie widerspiegelnd für das Reisen an sich. Beim Aufbrechen hat man erstmal eine grobe Zeit im Kopf. Vielleicht zwei Wochen, drei Wochen, drei Monate, ein Jahr. Man geht los, reist, versucht, möglichst so viel mitzunehmen wie irgendwie geht. Bis man – und dies überkommt einen oft automatisch und instinktiv – sich an einem Punkt wiederfindet, der den Höhepunkt darstellt, das Highlight sozusagen. Als wäre so eine Reise wie die Erklimmung eines Berges. Man läuft und läuft und läuft, kommt ins Schwitzen, auf Betriebstemperatur, die letzten Schritte, noch einmal steil hinauf und dann – meist am Punkt der höchsten Anstrengung – kommt man oben an, und von da an läuft man nur noch bergab und genießt die Aussicht. Bei mir war das so. Mein „Gipfel“, die Klimax, war die Cinque-Terre-Wanderung. Diese kräftezehrende Tour und das anschließende Bad im Meer. Das war Leben! Das war Loslassen und sich Treibenlassen. Durchs Wasser gleiten, kraulen und sich dabei fühlen, als würde man schweben, weil die Wellen wie Wolken einen tragen. So sanft vorübergehen. Und von da an konnte ich den Urlaub richtig genießen. Die Sonne tanken. Das Schwitzen beim Wandern. Das Salzwasser spüren. Mich eins fühlen mit dem Tag und der Nacht, mit all dem, was mich umgab, mit der Natur. Ich war angekommen. Und ich war frei. Und diese Freiheit spürte ich, als ich bei Varigotti am Strand übernachtete. Doch in dem maximalen Freiheitsgefühl wurde ich auch etwas wehmütig und melancholisch. Irgendwie wusste ich, dass ich nun die zeitliche Mitte des Urlaubs erreicht hatte. Eigentlich hatte ich mir drei Wochen vorgenommen, doch zu wissen, dass ich in Frankreich an der Atlantikküste bei Arcachon meinen Cousin und seine Freundin treffen würde, was Gefühle von Sehnsucht nach Geborgenheit und Familie bei mir aufkommen ließ – und vielleicht auch das Bedürfnis nach Gesellschaft und dem Nicht-mehr-Alleinsein, auch wenn ich mir das nur schwer eingestehen konnte –, löste tief in mir auch irgendwie ein Gefühl von Erleichterung aus. Der Weg alleine ist unkomplizierter, da man keine Kompromisse eingehen muss, außer die mit sich selbst. Er ist streitfrei und daher entspannter. Aber er ist auch hart, verdammt hart. Denn man ist zu 100% für sich selbst verantwortlich, man kann und muss sich nur auf sich selbst verlassen, und merkt dabei plötzlich, wie schwer so ein eigener Körper, so ein eigenes Wesen eigentlich sein kann. Welche Last das sein kann.

Blick über Finalborgo.

Nach meinen zwei Strandübernachtungen bei Varigotti hatte ich noch nicht genug vom Strandschlafen unter freiem Himmel und kundschaftete auf der Busfahrt nach Finalborgo die Umgebung bzw. die Strände nach einem Schlafplatz für die kommende Nacht aus. Von Finalborgo aus wollte ich heute noch einmal eine kleine Wanderung, meine letzte Wanderung für diesen Urlaub, starten. Die Tour stand in meinem Reiseführer und wurde mir zudem von einem jungen deutschen Paar aus Rosenheim empfohlen, das ich vor zwei Tagen zufällig in Finale Ligure vor einer Panetteria getroffen hatte. Kletterer. Mit dem Camper unterwegs, klar. Denn was ich nicht wusste, Ligurien ist eine 1a-Kletterregion. Sie hatten einen kleinen Jungen dabei. Milo. Absurderweise kenne ich nur den Namen des Jungen und nicht den der Eltern. Naja, so ist das wohl. Die Welt dreht sich um die Zukunft. Mir fiel ein passender Strand auf. Frei zugänglich, links und rechts von Felsen eingerahmt und somit in der Sicht geschützt, und sogar mit Dusche. Eigentlich machte dieses unsichere, experimentelle und riskante Reisen richtig Spaß. Es war Nervenkitzel pur. Spannend, aufregend, ein Abenteuer! Und als ich abends wieder am Strand lag, dachte ich, dass eigentlich gar nicht mehr so viel fehlte zum Leben als Obdachlose. In diesen Momenten, bei dieser Form des Reisens, wird das Leben heruntergebrochen auf das Essentiellste: Essen, Trinken, Pinkeln, Austreten, Schlafen & Aufwachen. Und ich dachte mir, vielleicht ist es genau das, was wir in unserem konsumgesteuerten, luxuriösen, sicheren und behüteten Leben in Deutschland haben: Angst vor uns selbst, oder mehr Ekel vor uns selbst, vor dem was wir ausstoßen. Flüssigkeiten. Diese klinische Sucht nach Hygiene, was uns so weit weg bringt von uns selbst, von unserem eigenen Körper und Körperbewusstsein. Und dann die Angst vor dem Nicht-mehr-weiter-wissen, Nicht-mehr-weiter-kommen, vor dem Aus. Die Angst davor, dass die Zeit stehen bleibt, und damit verbunden vielleicht sogar die Angst vor dem Tod. Doch wenn man mal wacht, so eine ganze Nacht lang, dann fällt einem auf, dass der Mond genauso wie die Sonne am Himmel entlang verläuft und uns zeigt: Die Zeit steht nicht still, wird nie still stehen bleiben. Nur, weil wir normalerweise in der Nacht schlafen und es uns darum so vorkommt, als stünde die Zeit still, tut sie es nicht. Unser Tag ist zweigeteilt, in ein Leben und ein Schlafen, also Nichtleben – obwohl das ja auch nicht stimmt, da wir auch beim Schlafen am Leben sind, es uns nur nicht so vorkommt. Schläft man in der Nacht draußen, so wacht man immer wieder auf, kommt vielleicht nie so tief in den Schlaf hinein, fällt nicht in den Tiefschlaf, doch man braucht auch nicht so lange, um wieder anzukommen im Leben, im Aktiv-Modus. Kurz: Man ist mehr eins mit all dem, was einen umgibt, mit dem Universum, mehr eins mit der Erde, geerdeter und mehr eins mit sich selbst. Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr obdachlos sein. Ich denke jetzt, und vielleicht ist das das, was mich die Reise lehren sollte, die Quintessenz: Nur wer im Herzen Obdachlosigkeit in sich trägt, wer sich von beschützenden Dächern befreit, die gleichzeitig auch irgendwie erdrückend sein können, kann pure Freiheit spüren. Und genau das ist es, was einen atmen lässt.

Teil 4: Happy Ending

Ich reiste dann von Finale Ligure mit dem Zug, dem Interrail-Ticket, über Ventimiglia, Nizza, Cannes und Marseille weiter nach Avignon, wo ich die Nacht im Hostel verbrachte. Natürlich besichtigte ich dort auch die berühmte Pont d’Avignon, wo sich mir ein außergewöhnliches Bild bot, denn im Hintergrund der Brücke brannte ein Gebäude und der Rauch färbte sich im Licht der untergehenden Sonne lilagrau.

Am nächsten Tag fuhr ich weiter nach Bordeaux. Eine Zugstrecke bzw. Verbindung, die sich als schwierig herausstellte, da nur wenige Züge fuhren. Von dort aus dann weiter nach Arcachon. Ich war zurück am Meer und wusste, als ich die Strandpromenade hin zum Steg lief, dass ich nun wirklich angekommen war, am Ziel, an der Destination, am Atlantik.

Promenade von Arcachon.

Die Nacht verbrachte ich dann auf einem Campingplatz, wo mir der Rezeptionist freundlich ein Zelt zur Verfügung stellte. Am darauffolgenden Tag, mittlerweile Tag 14, traf ich nach einem entspannten Morgen mit Baguette und dem restlichen Pesto zum Frühstück, einem Café danach, Hinsetzen, Schreiben, die Erlebnisse Revue passieren lassen und einem kurzen erfrischenden Bad im Meer, meinen Cousin und seine Freundin. Sie gabelten mich an einer Kirche mit dem Auto auf. Sie stiegen aus und begrüßten mich. Wir umarmten uns und fuhren weiter zum Campingplatz. Und als wir dann abends, nachdem wir die Dune du Pilat, Europas größte Wanderdüne, hinaufgekraxelt waren und wider Erwarten – für die Zeit, die wir für den Aufstieg benötigt hatten – schwungvoll und in Nullkommanichts hinuntergehüpft und -gerutscht waren und bei unserem Stellplatz das Abendessen kochten, wurde mir plötzlich klar, was ich die ganze Zeit über vermisst hatte: So sehr ich es genossen hatte, alleine unterwegs gewesen zu sein, anhalten und innehalten zu können, wo und für wie lange ich wollte, um den Moment zu genießen oder einfach durch den Sucher zu schauen und auf den Auslöser zu drücken, so sehr war ich dabei auch angewiesen auf äußere Einflüsse, Reize und Anreize gewesen, die ein Gefühl der Euphorie und der Freude in mir auslösten und mich so zum Strahlen und Lächeln brachten, innerlich sowie äußerlich. Doch als ich mich mit meinem Cousin und seiner Freundin unterhielt, sie mir von ihrem Aufenthalt in Frankreich und ich ihnen von meinem Abenteuer in Italien berichtete, da lachten sie, und da lachte ich und ich spürte, dass mir in den letzten zwei Wochen auch irgendwie ein wenig Liebe gefehlt hatte. Und das macht es aus, am Reisen mit anderen Personen (wenn es die richtigen Reisepartner sind), mit Menschen, die man liebt und die man im Herzen trägt, zusammenzusitzen, zu kochen, zu reden, auch mal zu schweigen und vielleicht auch mal zu weinen und Last, Sorgen und Zweifel abzuladen. Aber eben auch: Gemeinsam zu lachen und vor allem, Erlebnisse zu teilen.

Ciao et au revoir!

Dune du Pilat.

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