Mondo

das Magazin für nachhaltiges Reisen
über Land und Wasser

02.09.2019  Anna Hunger  Kontext:Wochenzeitung  TAZ  

Zu Fuß zum Polarkreis

von Anna Hunger

Datum: 28.08.2019

Warum in die Ferne schweifen? Und wenn doch, warum nicht ohne Flugzeug? Denn wer hunderte Kilometer über Land reist, sieht viel mehr von der Welt. Dachten sich Pia Wieland und Tobias Ertel aus Stuttgart und haben ein Magazin über nachhaltiges Reisen gemacht.

Foto: Jens Volle

Pia Wieland und Tobias Ertel reisen gerne. Und sie lesen gerne über Menschen, die gerne reisen. Aber was sie ärgert, sind diese Reiseblogs, auf denen irgendwer „mal eben nach Thailand jettet, um eine Foto von sich vor einer Palme auf Instagram zu posten“.

Keine Frage, Thailand ist immer eine Reise wert, und auch Pia und Tobias haben schon mal ein Flugzeug bestiegen. Auf Pias Nachhaltigkeitskonto als großes Minus stehen Indien und Südamerika. Das war, bevor sie ihren eigenen ökologischen Fußabdruck ausgerechnet hatte und noch nicht wusste, wie viele Jahre vorbildliche Lebensführung eine einzige Reise fressen kann. „Da dachte ich, verdammt, ich lebe doch so ökologisch, und mit einem einzigen Flug mache ich das alles wieder kaputt.“

Pia, 26 Jahre jung, sitzt in der Sonne im Food-Sharing-Café „Raupe Immersatt“, in dem jeder zahlt, was er mag. Ringe und Perlen sind mit den Jahren in ihre Dreadlocks eingewachsen, gerade ist sie fertig geworden mit dem Studium – Kommunikationsdesign an der Stuttgarter Kunstakademie. Neben ihr Tobias, 28, der demnächst anfängt in Schwäbisch Gmünd Interaktionsgestaltung zu studieren, weil ihm der Job als Werbe-Fotograf zu wenig sinnstiftend war. Beide leben so ökologisch wie es in der Stadt möglich ist. Sie ernähren sich vegetarisch bis vegan, kaufen Dinge möglichst gebraucht, fair, bio, regional, vermeiden Müll („Warum muss ein Brötchen, das man gleich isst, zuerst in eine Tüte?“), und engagieren sich als Klimaaktivisten.

Foto: Jens Volle

Als Pia kurz vor ihrer Diplom-Arbeit stand, haben sich die beiden zusammengetan und ein Konzept erarbeitet für ein Reisemagazin, das sich ausschließlich mit nachhaltigem Unterwegssein befasst. Gestaltet hat es Pia, das war die Aufgabenstellung für ihre Abschlussarbeit.

Herausgekommen ist das Print-Magazin „Mondo“, das heißt „Welt“ auf Esperanto. Ein mit sehr viel Herz und Liebe zum Detail gestaltetes Heft, fast schon ein großformatiges Büchlein, das von Menschen berichtet, die nahe und ferne Welten bereisen und dabei versuchen, ihre Umwelt so wenig wie möglich zu belasten. Geschrieben und fotografiert nicht von bekannten Bloggern oder „Berühmtheiten“ der Szene, sondern von normalen Leuten, „die authentisch sind und nahbar“, sagt Pia.

Flugzeugfrei nach Nicaragua

Wie Tobias aus Stuttgart-Degerloch, der mit seinen Kumpels zum Klettern in die Alpen trampt: „Wir treffen unterwegs noch einen zotteligen Spanier, der in Berlin lebt und mit seinem Motorrad und der speckigen Lederjacke ein wenig an den reisenden Che Guevara erinnert, fahren dann mit einem Metzger, der auch Kunstfluglehrer ist, mit, und lernen im darauf folgenden Auto den Europameister im Boogie-Woogie kennen, der uns bis kurz hinter München mitnehmen kann.“

Oder die Geschichte von Leonore Sibeth und Sebastian Ohlert. Sie in einem früheren Leben Trainerin für interkulturelles Lernen, er Wirtschaftsingenieur, beide im März 2017 zu einer einjährigen und flugzeugfreien Reise aufgebrochen. Sie halten sich derzeit in Nicaragua auf.  

Es sind große und kleine Reisen, die die AutorInnen in diesem Heft-Konzept beschreiben, unterteilt in die Rubriken „Tage“, „Wochen“, „Monate“ und „Jahre“ – beginnend mit Mikroabenteuer wie „Folge einem Bach von seiner Quelle bis zur Mündung“ oder „Verbringe an Vollmond eine komplette Nacht draußen, ohne zu schlafen … Vielleicht hast du ja Lust auf eine richtige Nachtwanderung“. Es gibt Ausflugstipps für einen Tag (Schwarzwald, Vorpommersche Boddenlandschaft, Wattenmeer), wie die Wanderung von Lisa, Literaturstudentin, die den Brocken im Harz bezwingt, wenn sie eine Pause von ihrem Schreibtisch braucht. „Selbst wenn man es sich nicht explizit vorgenommen hat, einmal gestartet, wird man ganz schnell vom Ehrgeiz gepackt, es dann auch bis zum Gipfel zu schaffen. Einmal ganz oben stehen und diese mystische Landschaft komplett überblicken!“, schreibt sie.

Oder Reisen für Wochen: Auch ein Fahrradbus – konzipiert wie ein Lastenrad für mehrere MitfahrerInnen – kann ein prima Gefährt sein. Denn mit dem, berichtet Marie Eckart, lerne man, sich unterwegs ganz neu zu spüren, weil bei der geringen Reisegeschwindigkeit die Seele so gut mitkommt.

Große Abenteuer – mit dem Fahrrad nach Russland oder per Anhalter, Segelboot, Kanu, Bus und zu Fuß von Deutschland bis nach Chile – finden sich unter „Monate“ und „Jahre“.

Riesen-Reiseroute: 29 750 Kilometer über Land und Wasser. Weitergehen soll’s nach Alaska und von dort Richtung Westen – bis nach Hause.
Foto: Jens Volle

Kolumbien ist schlichtweg untrampbar

Liebevoll, mit tollen Fotos und zu großen Teilen von Hand illustriert, ist das Heft. Die Streifzüge durch fremde Welten hat Pia Wieland manchmal in Comics oder Mind-Maps erzählt, Trennseiten sind auf Graspapier gedruckt, es gibt Einleger, wie das kleinformatige und handschriftliche Tagebuch, das eine längere Fährfahrt beschreibt. Auch enthält das Heft Tipps und Tricks, die ein umweltfreundliches und ökologisches Reisen möglich machen. Auf welche Siegel kann man sich verlassen, wenn man nachhaltige Kleidung kaufen möchte? Wie baut man aus einer Konservendose einen kleinen Ofen? Der übrigens, einmal gebastelt, über längere Zeit als Herd und Heizung dienen kann. Oder man erfährt, dass die Couchsurfing-Plattform für Welt-Radelnde „Warmshowers“ heißt und das Trampen in Japan, Argentinien und Kasachstan easy funktioniert, Kolumbien dagegen „schlichtweg untrampbar“ ist, außer man wendet dort „die Tramper-Geheimwaffe Kolumbiens an und stellt sich hinter Polizeikontrollen (Menschen haben dann keine Angst mehr euch mitzunehmen).“ 

Ertel und Wieland liegen perfekt in der Zeit mit ihrem Magazin. Als sie die Idee hatten und das Konzept geboren war, besuchte Greta Thunberg in Schweden freitags noch die Schule. In der ersten Phase haben die beiden Heftmacher per Schneeballsystem in ihrem Umfeld nach Geschichten und Erlebnissen gesucht, anfangs trudelten die nur schleppend ein, dann schneller und mittlerweile liegen bei Pia und Tobias so viele tolle Reisegeschichten auf dem Tisch, dass sie schon das nächste Heft füllen könnten.

Große Geschichte ganz klein: Ein handschriftliches Reisetagebuch wurde zum Einleger.
Foto: Jens Volle

Selektiert haben die beiden streng und vor allem nach einem Kriterium: Auch die beste Geschichte kam auf den „Nein“-Stapel, wenn ein Flugzeug im Spiel war. „Zu diesem Thema haben wir uns richtig in die Haare bekommen“, erzählt Wieland. Denn: Was ist denn nachhaltig? Ist Reisen mit VW-Bus okay? Darf man mit dem Auto fahren? Wenn alle Plätze im Twingo belegt sind? Beides bekam einen grünen Haken, denn, sagt Pia „es gibt eben auch Leute, die wollen nicht per Anhalter fahren, und da wollen wir einen Spagat anbieten.“

Und so schafften es auch Jochen Keller aus Ravensburg und seine Freunde ins Heft: „Unser Ziel war einfach: Wir wollten für drei Wochen so weit von der Zivilisation weg, dass wir keine Anzeichen mehr von ihr sahen.“ Mit einem Twingo vollgepackt bis unters Dach sind sie zum Sarek Nationalpark in Schweden gefahren und anschließend zum Polarkreis gelaufen. „Keine Ahnung, wie es in einem Gebiet, wo wir weit und breit die einzigen Menschen sind, so viele Stechmücken geben kann. An einem Tag hatte ich den Eindruck, dass alle Mosquitos aus dem Umkreis von 10 km den Braten (wir) gerochen haben und her gekommen sind.“

Sowieso wollten die beiden kein Heft über Verzicht machen. Denn mit Verzicht überzeugt man kaum einen zu einem nachhaltigen Leben. Im Gegenteil: Nachhaltigkeit, das haben sie sich auf die Fahnen geschrieben, soll und muss Spaß machen. Vor allem aber auch mehr sein als nur ein Magazin. „Eher eine Form der gesellschaftlichen Bewegung, die das ‘umweltbewusstere’ Reisen als Normalität und Selbstverständlichkeit wahrnimmt“, so steht es auf der „Mondo-Magazin“-Homepage. „Wir wollen inspirieren. Und wir wünschen uns, dass sich die Motivation des Reisens verändert“, sagt Pia. Dass die Menschen nicht mehr „wow!“ sagen, wenn sie Fotos von Übersee auf ihrer Facebook-Timeline haben. Dass die Fernreise ihren Charakter als Statussymbol verliert.

Jetzt muss es nur noch einen Verlag geben, der druckt

Momentan suchen Ertel und Wieland nach einem Verlag, der ihr erstes Heft drucken möchte und in den Handel bringt. Einfach wird das nicht. Aber einfach war es für Philipp Fuge auch nicht, die 3325 Kilometer von Berlin zum Nordkap zu laufen. Sein Text in „Mondo“ endet mit den Worten: „Über die anstrengenden und ermüdenden Phasen habe ich mich irgendwie hinweggeträumt. Dazwischen lagen unzählige intensive und unvergessliche Schlüsselszenen.“

hier nochmal der komplette Artikel in der KONTEXT:Wochenzeitung

>>> https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/439/zu-fuss-zum-polarkreis-6142.html

Fotografien von Jens Volle

>>> ww.jensvolle.de

Der Artikel in der TAZ

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